Es ist doch eigentlich völlig egal, was ich denke. Es ist fast schon wurscht, ob ich es überhaupt tue. Denken, meine ich. Je mehr bildende Sendungen ich ansehe, desto deprimierter bin ich. Was bringt es Bescheid zu wissen, wenn man doch nichts ändern kann? Na, vielleicht hat die Regierung der USA ja wirklich die Anschläge auf das World Trade Center mitorganisiert, und vielleicht werden wir eines schönen Tages vom Einschlag eines Kometen in Millionen Stücke zerfetzt, so wie die Opfer des 11. Septembers, oder vielleicht bricht endlich der Supervulkan aus, der unter dem Yellowstone National Park wie ein fetter Bär schlummert und auf seinen gigantischen Auftritt wartet. Und wenn es das nicht ist, dann wird man vielleicht in der Berufschule von einem Mitschüler erschossen. Wenn das sogar im Pisa-Land passieren kann, dann ist der Untergang nicht mehr weit entfernt. Das ist alles so bedrückend. Die einzig guten Nachrichten scheinen aus dem Sport zu kommen. So war es zumindest, bis Jürgen Klinsmann einen bösen Fluch auf Bayern München gelegt hat. Eine Niederlage gegen Hoffenheim? Das nimmt uns das letzte Fünkchen Hoffnung.

In was für einer kranken Welt leben wir eigentlich? In einer Welt, in der man die Terroristen nicht mehr von den Politikern unterscheiden kann. 51% der Deutschen halten die Demokratie nicht für die optimale Regierungsform. Was sagt uns das? Heißt das im Klartext, dass die Deutschen sich nicht selbst regieren wollen? Heißt das, wir sehnen uns nach einer kuscheligen Diktatur? Oder wird uns vielmehr langsam aber sicher klar, dass wir von solchen Pfeifen nicht regiert werden können? Parteien können sich auf keinen Kurs mehr einigen, alles was die Linke sagt ist sowieso Dreck, Guido Westerwelle ist ein Laienschauspieler und Merkels Decollté ist ohnehin viel spannender, als politische Ergebnisse. Und weil man sich mehr vorm Erwachen des Kommunismus fürchtet, als vor einem Erwachen des Vesuvs, driftet die ehemals links orientierte SPD langsam zur CDU. Und während sie versucht die Unterschiede zur CDU weiterhin vehement zu unterstreichen, verliert sie die letzten sieben treuen Wähler.

Die Politiker werden von uns gewählt, damit sie uns repräsentieren. Also mich repräsentieren die nicht. Die reden doch nur, und das auch noch, ohne wirklich etwas zu sagen. Eine beängstigende Fülle an Worthülsen prasselt auf uns nieder, ohne dass nur ein Wort Bedeutung hätte. Ein Standart-Satz jagt den anderen. Und weil der Durchschnittsdeutsche kein Wort von dem versteht, was die von sich geben, hält man das, was sie sagen vorsichtshalber für intelligent, auch, wenn es das nicht ist.

Alle tun so, als wären unsere Interessen ihre eigenen, doch das stimmt nur kurz bevor die verstaubten Wahlurnen aus den Kellern in die Wahllokale geholt werden, wo sie uns dann in Form von Mülltonnen gegenüberstehen, damit wir unsere Stimme endlich da hintun, wo sie ihrer Meinung auch hingehört. Nämlich in den Müll.

Versprechen werden schon gebrochen, bevor sie gemacht werden. Aber Hauptsache, wir haben jetzt auch so spannende Fernsehduelle wie unsere Freunde in den Staaten, in denen sich die schillernden Kandidaten im Rampenlicht aalend gegenüber stehen und sich gegenseitig in den Boden stampfen. Brot uns Spiele hat schon einmal ganz gut geklappt, warum also kein zweites Mal?

Finden Sie es nicht auch gemein, dass man uns nie verehrte deutsche Landsleute nennt? Seien Sie nicht traurig. Glauben Sie mir, das wird noch kommen, wenn wir erst einmal das letzte bisschen Hitlerstaub von unseren hängenden Schultern geklopft haben. Dann dürfen wir wieder stolz sein, wenn auch nicht zu stolz. Wir wissen ja, dass deutschsein und Stolz eine gefährliche Kombination ist. In uns allen steckt quasi das böse Nazi-Gen, begleitet vom Schlechten-Humor-Gen. Da kann man nichts machen.

Und sogar, wenn man keine politischen Sendungen verfolgt, wird einem angst und bange, weil die Zukunft so eine bedrückende Sache geworden ist. Vielleicht auch, weil sie inzwischen zum Greifen nah scheint. In nicht allzu langer Zeit wird mein Kühlschrank intelligent sein. Er wird mir zeigen, was ich wegwerfen muss und bestellt meine Lebensmittel selbstständig nach. Ist es nicht schön, dass wir nicht mehr denken müssen. Also nicht, dass viele das heutzutage noch tun, aber dann muss es keiner mehr. Unsere Maschinen machen das sowieso viel besser. Dann weiß Wagner ganz genau, welche Pizza ich wie oft esse, und jeder bei Wiesenhof, dass Hühnchen und ich eine kritische Beziehung führen, weil es meistens doch im Müll landet. Anhand meines Kühlschranks kann man dann also ein Profil erstellen. Und ich weiß nicht, ob mir das recht ist.

Doch das ist nichts im Vergleich zur Gesichtserkennungstechnik, die unsere Züge biometrisch erfassen kann. Ist doch toll, wenn man an jedem Bahnhof erst einmal eine Gesichtskontrolle bestehen muss. Bisher war das nur in den Diskotheken der Fall, warum also nicht auch am Bahnhof? Das macht den Alltag spannender. Schon klar, das ist nur zu unserer Sicherheit, die Daten werden schließlich nur mit der Datenbank der gesuchten Verbrecher verglichen und wenn man kein Verbrecher ist, hat man auch nichts zu befürchten. Und trotzdem können dann die, wer auch immer die sind, genau sagen, wann wir wo waren. Mit wem und wie lange und wohin wir gegangen sind. Wenn man dann erst einmal alle Verbrecher hat, dann könnte man den Ehebrechern die Leviten lesen. Wäre doch schade um die tolle Technik, wenn man sie schon hat?

Nach all den bildenden Dokumentationen über den kalten Krieg und das Aussterben der Tiere und den Klimawandel und den Pazifikkrieg und das Dritte Reich und die knappen Rohstoffe und künstliche Intelligenz und terroristische Anschläge und die Mitwirkung der Regierung und Selbstmordattentäter und entführte Touristen und Zunamis und hungernde Kinder und den Schmuggel von Blutdiamanten und die Mafia und den Magerwahn und die miserable Pisa-Studie und Schmiergeldaffären und illegale Konten in Luxemburg und Massaker an Schulen und die klaffende soziale Schere und die Kinderarmut in Deutschland und Hartz Vier Empfänger und die sinkende Geburtenrate und die Schlacht um Stalingrad, weiß man wirklich Bescheid. Und was dann? Dann nichts. Dann weiß man es eben. Und weil man weiß, dass Worte nichts bringen und einen Verbrechen spätestens am Bahnhof überführen, tut man das, was man als Deutscher seit Ende des zweiten Weltkriegs eigentlich immer tut. Nämlich nichts. Wer nichts tut, kann zwar nichts bewegen, aber man kann auch nicht geschnappt werden.

Und weil die RAF zwar gute Ansätze, aber keine gute Taktik hatte, ist es besser, wir schweigen weiter und gehen wieder öfter an die frische Luft. Vielleicht sollten wir wieder lernen den Moment zu genießen und den Fernseher ausgeschaltet lassen. Doch in jedem Fall sollten wir das Denken nicht den Maschinen überlassen, egal, wie verlockend das auch wäre, denn Trägheit ist wahrlich das letzte, was wir brauchen. Und wer weiß, vielleicht greift die Bildungsoffensive ja doch noch, und eines schönen Tages werden wir wieder erleichtert durchatmen. Eines Tages, wenn der innige Wunsch der Miss-America-Anwärterinnen sich doch noch erfüllt. Der Weltfrieden.

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Gedanken