Viele Jahre lang hätte ich mich geschämt, über meinen Kontostand zu sprechen. Die Sache mit dem lieben Geld ist wie mit Sex. Jeder will es, aber nicht jeder kriegt’s. Und genauso wie mit körperlicher Nähe tun sich viele schwer, über ihren kümmerlichen Kontostand zu reden.

Da kommt die Finanzkrise gerade recht, denn auf einmal haben selbst die Banken kein Geld mehr. Im ersten Moment dachte ich, was für ein Glück, dass ich nicht gespart habe, aber dann wurde mir nicht nur bewusst, dass die Stadtsparkasse selbst den Zusammenbruch der Hypo Real Estate mit einem erhabenen Lächeln überdauern würde, sondern dass ich meine Rechnung ohne die Bundesregierung gemacht hatte. Denn die garantiert den Sparern auf einmal, dass ihr Geld sicher ist. Es ist doch schön, dass man Väterchen Staat im Rücken hat, auf den man bauen kann, wenn Banken zu Baustellen werden.

Vertrauen lautet die neue Divise, das Allheilmittel im rapiden Sturzflug. Aber mal ehrlich, wieso sollten wir auch nicht vertrauen? Nur weil sich ein Haufen überbezahlter Banker ein bisschen verspekuliert hat, kann man doch nicht gleich das ganze System in Frage stellen. Das wäre höchst unfair. Wir sollten, nein, wir müssen unseren Politikern und Bankmanagern vertrauen. Am besten blind, so wie bisher. Sollen die sich doch ums Geld kümmern.

Wir sollten es positiv sehen. Diese ganze Schwarzmalerei ist schließlich weder förderlich noch konstruktiv. Na gut, die Produktionsstopps in der Automobilindustrie sind jetzt vielleicht nicht so toll, aber was soll’s, unser Sparbuch wird’s überleben. Und das ist doch die Hauptsache. Das Geld der Bevölkerung hängt am Tropf. Nur, wer füttert denn diesen Tropf, frag ich mich? Ja klar, die Regierung, das weiß man doch. Aber womit? Das sollten wir nicht fragen. Ist doch schön, dass es irgendjemand zahlt. Doch nun einmal im Ernst. Wer zahlt die Sparguthaben aus, wenn die Bank zusammenbricht? Genau, die Steuerzahler tun das. Also garantieren wir uns selbst unsere Sparbücher. Oder noch besser, im schlimmsten Fall nämlich bürgen die Bürger für das Ersparte anderer. Denn die ohne Geld geben dann denen mit Geld die Garantie, dass sie ihr Geld behalten können, und das, obwohl sie wahrscheinlich nicht viel Geld haben, denn zum Sparen hat’s ja auch nicht gereicht.

Natürlich sollte das einem Banker nicht passieren, aber was ist die Konsequenz? Ein paar schwarze Schafe werden vorgeschickt, um öffentlich gesteinigt zu werden, und ziehen dann mit einer dicken, fetten Abfindung in die Frührente oder in die nächste Chefetage, hoch lebe die Vetternwirtschaft. Und so hat er in ein paar Wochen oder Monaten gute Chancen, ein weiteres Unternehmen in den Ruin zu führen. Sind ja noch genug da.

Stellen wir uns mal vor, wir hätten eine Putzfrau. Viele von Ihnen werden lachen, weil sie sich eine Putzfrau gar nicht leisten können, aber schieben wir das mal beiseite. Wenn man also eine Putzfrau hätte, nach deren Erscheinen die Bude in Schutt und Asche liegt, würde man sie dafür bezahlen? Würde man ihr zum Dank eine Finanzspritze zum Abschied geben? Na, wohl kaum. Oder hat man Ihnen etwa mal das Konto gestopft, weil sie einen Engpass hatten? Hat Frau Merkel Ihnen da unter die Arme gegriffen? Also mir nicht. Die Bundesregierung hat schließlich nur begrenzte Mittel. Wir kennen das doch alle. Und da heißt es haushalten. Na gut, ab und an findet man zwischen den staatlichen Sofakissen dann doch noch ein paar Reserven in den Ritzen und überlegt dann auch sogleich, wie man es sinnvoll verschwenden kann. Für Eurofighter zum Beispiel.

Sie wussten das nicht? Ach, es war bestimmt nur ein Versehen der Regierung, die gerade während der Fußball WM zu kaufen. Das würden die uns doch nicht verheimlichen. Wo denken Sie hin, das haben die doch in unserem Interesse und mit unserem Geld gemacht. Und wieder kam die Finanzkrise im rechten Moment. In solch einer schwarzen Zeit denkt keiner mehr an die paar Eurofighter, die mal eben eingekauft wurden, es gilt schließlich, das Land aus seinem sicheren Untergang zu manövrieren. Jetzt ist nicht die Zeit für Hohn und Spott, denn es ist ernst. Da muss selbst die Bildungsoffensive, zum großen Ärger der Kanzlerin, ein wenig warten.

In Zeiten wie diesen sieht man einfach, wie die Prioritäten einem plötzlich ihre hässliche Fratze zeigen. Wenn es dem Wirtschaftsstandort Deutschland nämlich an die Nieren geht, dann gilt es zu handeln. Dass die Bevölkerung immer stumpfer und ungebildeter ist, kann man der Regierung ja nun wirklich nicht in die Schuhe schieben. Und vorwerfen schon gleich gar nicht. Denn das alles kostet Geld, und wenn Sie sich erinnern, hieß es schon vor der Finanzkrise, dass wir das einfach nicht haben. Jetzt ist es wenigstens amtlich. Nur die Sparer, die wird es weiter geben. Was wäre auch Deutschland ohne das Sparen. Es wäre wie die CSU ohne Stoiber, nämlich zum Scheitern verurteilt.

Eines steht fest, erst wenn der Rubel wieder rollt, kann in die Zukunft investiert werden. Ist doch logisch. Ohne Kapital keine Investition. Das merken auch immer mehr Unternehmen. Die Privathaushalte wissen das schon länger, aber die hat man vorsichtshalber nie gefragt. Die Umfragewerte, Sie verstehen … So ist das eben. In einer kapitalistischen Gesellschaft ist sich jeder selbst der nächste, auch wenn sich in der offiziellen Version fälschlicherweise das Wort sozial vor das Wörtchen Marktwirtschaft geschummelt hat.

Und doch denke ich, wir sollten vertrauen. Den Politikern, die uns führen, die wir gewählt haben. Zumindest die paar traurigen Gestalten, die sich den Weg zur Wahlurne überhaupt noch machen. Also ich zum Beispiel. Den Politikern, die für Taten in Sachen Klimawandel werben, weil der gerade ein trendiges und topaktuelles Diskussionsthema ist, aber zu den Umweltschutzgesprächen in der tonnenschweren, gepanzerten Ölschleuder vorfahren. Und nur weil man als Normalbürger aufgefordert wird, den Platz in einem PKW auszunutzen, gilt das noch lange nicht für unsere Herrscher. Die wollen zwar angeblich alle ans selbe Ziel, kommen aber dennoch lieber getrennt. Das ist nicht nur typisch, es ist auch eine Prestigefrage. Wie würde es auch aussehen, wenn Steinbrück, Merkel und Tiefensee hintereinander aus einem Polo Blue Motion kletterten? Das wäre vorbildlich? Ja schon, aber wo kämen wir hin, wenn Politiker plötzlich vorbildlich handelten? Oder wenn Filmstars plötzlich im Smart vorfahren oder sich zumindest eine Limousine zu zehnt teilen würden? Auch der Klimawandel kennt Grenzen. Und weil sich der Ölpreis wieder erholt, scheint das Thema Klimawandel nicht mehr den Geist der Zeit zu treffen. Was ist schon der Klimawandel, wenn die Weltwirtschaft blind taumelt?

Ob Frau Merkel wohl auch ihr Geld auf der Bank lässt? Ich meine die Diäten, die sich unsere Politiker mal eben selbst erhöht haben, sollen doch sicher sein. Ja, ich denke, sie geht da mit gutem Beispiel voran. Sie weiß ja, wer die Staatskrücke sein wird. Sie hat es schließlich selbst bestimmt. Sie weiß, ihr Geld ist sicher. Und deswegen sollten wir ihrem Beispiel folgen. Denn wenn unsere Kanzlerin in Zeiten des Untergangs wie ein Fels mit uns auf der Titanic steht, wie könnten wir dann zweifeln?

Sie wird den Status Quo erhalten. Sie hat es schließlich versprochen. Und das dürfte auch nicht wirklich schwer sein. Die soziale Schere bleibt schön weit offen, die Umstrukturierung von Kapital wird garantiert und während alle Welt mit stockendem Atem die Börsenkurse verfolgt, werden noch ein paar mehr deutsche Soldaten nach Afghanistan geschickt, um den Frieden zu sichern, für den jetzt schon so viele Jahre mit Waffengewalt gekämpft wird.

Eine Sache ist allerdings wirklich neu. Die steigende Anzahl an Bypass-Operationen bei Banken ist so gigantisch, dass alles andere in ein neues Licht gerückt wird. Im dicken, fetten Schatten des Kapitalismus geraten nämlich die Wahlkampfthemen auf einmal bereits vor dem Wahlkampf in Vergessenheit, wo sie das doch sonst immer erst kurz nach der Wahl tun.

Aber vielleicht ist es in Wirklichkeit ganz anders. Denn vielleicht wird es in ein paar Tagen heißen, dass es sich beim Zusammenbruch der Weltwirtschaft in Wahrheit um eine Reihe von terroristischen Anschlägen gehandelt hat, die von einem Erdloch in Afghanistan aus heimtückisch geplant wurden, um den Westen endlich in die Knie zu zwingen, und dann können wir erleichtert sein, und das nicht nur, weil es dann nicht das Versagen unserer Politiker und Bankmanager war, sondern weil unsere Jungs praktischerweise schon vor Ort sind und jedes noch so kleine Erdloch im Auftrag ihres Vaterlandes ausmerzen können. Denn wenn man es genau nimmt, hat das mit dem Frieden ja eh nicht geklappt.

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