5. Juli 2016

Der Hege-Wahn

Es ist mal wieder so weit – die Frankfurter Buchmesse steht bevor. Für jemanden wie mich (eine erfolglose Autorin ohne Kontakte) ist diese Zeit besonders hart. Vor allem, wenn ich den Fehler mache, mir die Buchvorstellungen genauer anzusehen. Dieses Jahr versuchen viele junge Menschen in Fräulein Wunder Hegemanns Fußstapfen zu steigen (nur ohne Plagiat versteht sich. Wir hatten für dieses Jahr auch wahrlich genug Plagiat).

Das Erfolgsrezept denkbar einfach (natürlich nur, wenn man die Grundvoraussetzungen erfüllt). Man muss jung sein (möglichst 12), einfluss-reiche, bekannte Eltern haben (im Notfall reicht auch ein einflussreicher Elternteil) und eine abschreckende Handlung.

Dieser Teil ist besonders leicht. Man nehme eine kaputte Hauptfigur mit Drogenproblemen, einem ausschweifenden und skandalösen Sexualleben und würze die mehr oder weniger lesenswerte Geschichte mit Angst vor Ablehnung, Schwangerschaft oder sonst einem Jugendproblem und schwups, fertig ist der Bestseller. Solche Bücher erwecken den Eindruck, als wäre es gang und gebe für 14-jährige in ihrer Freizeit ihren Körper zu verkaufen. Sie sind sicher auch langsam genervt von dem Anblick der Hundertschaften an blutjungen, hochschwangeren Mädchen, die Ihnen täglich begegnen. Ist doch völlig normal. Sie finden das nicht? Ich auch nicht. Aber dass die Realität nicht so aussieht, ist doch wirklich nicht so wichtig. Im Gegenteil. Die Realität der meisten jungen Menschen wäre einfach zu langweilig. Und Vampire gibt es schließlich auch nicht, und trotzdem meint jeder plötzlich darüber schreiben zu müssen.

Ich würde mich nicht einmal besonders darüber ärgern, wenn es nicht alles so offensichtlich wäre. 14, Nutte, schwanger, drogensüchtig. Endstation Babystrich. Das sind ja fast Zustände wie in Thailand, wo die Deutschen so gerne Urlaub machen. Und man könnte darüber streiten, ob diese Reiselust lediglich mit dem billigen Essen zu tun hat. Aber das ist ein anderes Thema.

Ich habe vor drei Jahren einen Roman geschrieben. In diesem Roman geht es um drei junge Frauen und deren Leben. Um die Fehler, die sie machen, um die Wünsche die sie haben, um die Männer, die sie lieben. Und ja, sie haben auch Sex. Und ja, manche Liebesnacht hat mit Liebe relativ wenig zu tun. Aber keine der drei verdient sich nebenbei etwas dazu, indem sie älteren LKW-Fahrern einen bläst. Vielleicht hätte ich solche Elemente einbauen sollen. Dann wäre mein Buch vielleicht auch bei den heißen Neuerscheinungen dieses Jahres dabei.

Irritierend finde ich aber, dass mein Roman unter anderem deswegen abgelehnt wurde, weil er zu ‚explizit‘ wäre. Das ist schon seltsam. Vor allem, weil diese neuen Romane der jungen Wilden deswegen so gelobt werden, weil sie so explizit sind und kein Blatt vor den Mund aber allerhand andere Dinge in denselben nehmen. Bei mir hieß es, das Buch wäre nicht leicht unterzubringen und wäre unter Umständen für Jugendliche nicht wirklich geeignet. Mag ja sein, dass der Jugendliche von heute verstört auf so viel normalen Sex reagieren würde. Mag auch sein, dass Hauptfiguren, die weder schwanger noch drogenabhängig sind, das Weltbild junger Menschen durcheinanderbringen könnten. Und es wäre auch möglich, dass meine Charaktere einfach zu alt sind. Aber der Hauptgrund, weshalb mein Buch es nie in die Schlagzeilen geschafft hat, ist zum einen, dass ich nicht erst 12 bin und zum zweiten, dass meine Eltern weder einflussreich noch bekannt sind.

Vor einigen Jahren habe ich ein interessantes Interview gelesen. Cecilia Ahorn wurde gefragt, ob die Tatsache, dass ihr Vater Ministerpräsident war, ihren Erfolg hat voranbringen können. Ahorn hat geantwortet, dass ein schlechtes Buch nicht veröffentlicht werden würde, ganz gleich wen man zum Vater hätte. Hm. Ich wage zu behaupten, dass beides nicht stimmt. Erstens werden auch schlechte Bücher veröffentlicht und zweitens gibt es sicher viele gute Bücher, die nie erscheinen werden, weil man den ‚falschen‘ Vater hat. Das heißt selbstverständlich nicht, dass Ahorns Buch schlecht ist, es heißt nur, dass es sicher nicht geschadet hat, einen Ministerpräsidenten zum Vater zu haben.

Im Grunde spielt es keine Rolle. Das Leben ist nicht fair und jeder weiß es. Auch ich. Und ich wusste es auch schon, als ich angefangen habe zu schreiben. Ich wusste, dass der Weg schwer und lang ist und keineswegs das Ziel. Manchmal geht mir zwischenzeitlich die Puste aus und dann schimpfe ich eben über all die ‚Kinderautoren‘. Dann ärgert es mich, dass sie den Erfolg haben, den ich gerne hätte.

In solchen Augenblicken tröste ich mich damit, dass der Spiegel manch einem den Schreibstil eines Zehntklässlers bescheinigt. Das zaubert ein kleines Lächeln auf mein müdes Antlitz. Diese Tatsache ändert nichts am Erfolg der perversen Kinderautoren. Aber es ändert, wie ich mich fühle. Denn mit der öffentlichen Meinung muss ich mich nicht herumschlagen. Die (vernichtende) Wahrheit ist denen vorbehalten, die es geschafft haben. Vielleicht ist das Leben doch ein bisschen fair. Wer auf eine Welle aufspringt, die bereits im Rollen ist, kann es schaffen. Aber, wenn ich ehrlich bin, war ich nie ein Freund vom fremden Wellenreiten. Ich bin lieber auf meiner eigenen unterwegs. Auch, wenn das bedeutet, dass es dort manchmal etwas einsamer ist. Und sogar dann, wenn diese Welle nie irgendwo ankommt.

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Gedanken