5. Juli 2016

Der kleine Esel

Es war einmal ein kleiner Esel, der hieß Frederick. Er hatte hellgraues Fell und große Ohren. Manchmal schämte er sich ihretwegen. Er schämte sich auch für seine kurzen knochigen Beinchen. Am liebsten wäre Frederick ein stolzes großes Pferd. Manchmal legte er sich in die Sonne, schloss die Augen und stellte sich vor bei wichtigen Turnieren teilzunehmen. Und immer wenn er sich das vorstellte, gewann er glänzende Trophäen und alle Zuschauer klatschten ihm lauten Beifall. Doch jedes Mal wenn er die Augen wieder öffnete, waren da immer noch die kurzen knochigen Beinchen und die großen Ohren.

Frederick hatte auch einen Beruf. Er trug schwere Körbe steile Hügel hinauf. Meistens tat ihm am Abend der Rücken entsetzlich weh, doch er beklagte sich nicht. Esel nehmen eben nicht an wichtigen Turnieren teil. Sie steigen Hügel hinauf. Fredericks Mutter, Carmen, sagte immer, dass das eine noch viel wichtigere Aufgabe sei, als bei Turnieren teilzunehmen. Frederick tat zwar so, als glaubte er ihr, doch insgeheim tat er das nicht. Im tiefsten Inneren war er sich sicher, dass wichtige Turniere wichtiger waren, als schwere Körbe steile Hügel hinauf zu steigen.

Eines Tages, es war noch früh am Morgen, machte sich Frederick auf den Weg ins Dorf, um dort schwere Körbe abzuholen. Langsam ging er neben seiner Mutter her. Die faltige kleine Frau, der er und seine Mutter gehörten, ging auf einen Stock gestützt voraus. Frederick mochte die faltige Frau. Sie war immer freundlich und gab ihm zu Essen. An diesem Tag ging die faltige kleine Frau noch langsamer als sonst. Sie schien müde und schwach. Auf ihrer Haut schimmerten Schweißperlen. Dann blieb sie plötzlich stehen. Mit zitternden Händen klammerte sie sich am Knauf ihres Gehstocks fest. Fredericks Mutter stupste sie sanft in den Rücken, so als wollte sie sie fragen, ob es ihr nicht gut gehe. Die faltige Frau drehte sich zum großen und zum kleinen Esel. „Ich kann nicht weiter gehen …“, sagte sie mit angestrengter Stimme, „… ich schaffe es nicht …“ In der Sekunde, als sie ihren Satz beendet hatte, fiel ihr Kopf nach hinten und ihre kurzen knochigen Beine gaben nach. Fredericks Mutter sprang auf sie zu. Die kleine faltige Frau lag sicher auf Carmens Rücken, ihr Gehstock war auf den schmalen Steinweg gefallen. Frederick drückte sich an seiner Mutter vorbei und klemmte ihn zwischen seine großen Zähne. Langsam drehten sie sich um und stiegen den steilen Hügel hinauf. Carmen war es schließlich gewöhnt schwere Lasten zu tragen.

Als sie auf dem kleinen Hof der faltigen Frau ankamen, kam der Mann der kleinen Frau auf sie zu gelaufen. Er hob seine Frau von Carmens Rücken. Über seine Wangen kullerten dicke Tränen. Mit all seiner Kraft schleppte er die faltige Frau in Richtung Haus. Frederick und seine Mutter schauten ihnen nach. Frederick wusste, was es bedeutete zu sterben. Sein Vater Klaus war eines Morgens einfach nicht mehr aufgewacht. Da hatte ihm seine Mutter erklärt, dass man eines Tages eben sterben müsse. Langsam ging Frederick zur großen Haustür und legte vorsichtig den Gehstock der faltigen Frau auf die oberste Stufe.

Doch die kleine faltige Frau war nicht gestorben. Ein Arzt hatte sie besucht und ein paar Tage später ging es ihr viel besser. Als sie wieder aufstehen konnte, ging sie zu ihren beiden Eseln. Sie setzte sich zu ihnen ins Heu und streichelte ihnen über ihre großen Ohren. Ihre Augen glänzten und ihre Wangen waren rosig gefärbt. Der kleine Esel war unheimlich erleichtert, dass es der faltigen Frau besser ging. „Wenn ich euch nicht hätte …“, sagte sie und nahm Carmens Kopf sanft zwischen ihre faltigen Hände. Dann drehte sie sich zu Frederick und glitt über sein hellgraues Fell. „Wenn ich euch nicht hätte …“ Noch nie in seinem Leben war der kleine Esel so stolz gewesen. Niemals zuvor war er so glücklich.

Von diesem Tag an wollte der kleine Esel kein stolzes Pferd mehr sein. Es war schließlich viel wichtiger schwere Lasten steile Hügel hinauf zu tragen, als glänzende Pokale zu gewinnen. Die glänzenden Augen der faltigen Frau waren viel mehr wert. Denn die faltige Frau liebte ihre beiden Esel. Vielleicht waren Fredericks Ohren ein bisschen zu groß, und vielleicht war er auch kein stolzes Pferd, doch das machte ihm nichts aus, denn er war ein stolzer Esel.

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Anne Freytag, Gedanken