Menschen führen Kriege und Beziehungen. Und manchmal Kriege in Beziehungen. Und manchmal entstehen Beziehungen in Kriegen. Menschen sind egoistisch und lieben ihren Nächsten (wenn auch meistens weniger als sich selbst). Menschen streiten. Sie sagen Dinge, die den anderen verletzen. Und sie tun Dinge, die der andere nicht vergessen wird. In jedem Kampf gibt es feste Regeln und einen eindeutigen Verlierer. Es gibt sogar Regelungen für den Kriegsfall (auch, wenn es mir seltsam vorkommt in Kriegen von Kriegsverbrechen zu sprechen. Ist denn der Krieg in sich nicht schon ein Verbrechen?). Nur in Beziehungen gibt es keine Regeln. Wenn einer auf dem Boden liegt, ‚darf‘ man fröhlich weiter treten.

Darf man das wirklich? Gilt auch in Beziehungen die Prämisse ‚Wissen ist Macht‘? Ich komme nicht umhin, mich zu fragen, ob dieses Verhalten nicht eigentlich im absoluten Gegensatz zu einem zugegebenermaßen ungeschriebenen Beziehungs-Kodex steht? Nehmen wir die These ‚man kennt niemanden so gut wie seinen Partner‘ einmal als gegebene Wahrheit, dann ist es einleuchtend, dass man seinen Partner am besten kennt. Man kennt die Schwächen, die Stärken, die Macken, die nervigen Angewohnheiten, die Laster, die Altlasten, die wunden Punkte. Haben wir allein deswegen das Recht, dieses Wissen in weniger harmonischen Zeiten gegen unseren Partner einzusetzen? Werden diese Informationen zu einer Art Waffe, zu der wir greifen dürfen, weil nur wir wissen, wie sie zu bedienen ist? Oder ist das Gegenteil der Fall? Ist es nicht eigentlich so, dass man dieses Wissen mit einer Art Geheimhaltungs-Vertrag vergleichen sollte. Die dreckigen und weniger dreckigen Geheimnisse in Firmen werden vertraglich abgesichert. Sollte es in Beziehungen nicht auch so sein?

Ist es nicht eigentlich unsere Aufgabe, das zu schützen, was uns lieb ist? Und wenn es so ist, gehört dann unser Partner nicht auch in diese Kategorie? Ist es richtig, dass sich Menschen in Beziehungen immer und immer wieder für ihr Wesen zu rechtfertigen haben? Ist es in Ordnung, sich von dem Menschen, dem man im Vertrauen auch die scheußlichsten und abgründigsten Teile der eigenen Seele gezeigt hat, sich diese in der nächstbesten Situation wieder vorwerfen lassen zu müssen? Vielleicht sollten wir uns Aufkleber drucken lassen, die den anderen daran erinnern, dass wir empfindsam sind? So wie bei der Post, wo einen der ‚Handle with care‘-Aufkleber daran erinnert, das Päckchen nicht durch die Gegend zu werfen.

Ich denke, man bekommt einen Menschen nur im Gesamt-Paket. So eine Art ‚All-inclusive-Angebot‘. Und so wie im Urlaub auch, muss man sich mit manchen Dingen einfach abfinden. Denn oft bedeutet das nun einmal ‚Büffet-Verköstigung‘ und keine ‚à la Carte‘-Bedienung. Sicher wäre es schön, wenn der Partner eher wie eine ‚Individual-Reise‘ funktionieren würde. Wenn man alles genauso zusammenstellen könnte, wie man es sich vorstellt. Bei diesem Denkansatz darf man jedoch nicht vergessen, dass man dann vermutlich auch selbst niemals jemanden finden würde, der einen genauso zusammenstellen würde, wie man ist. Nach diesem Prinzip wären alle allein. Denn den Menschen, der ohne Laster, Macken, nervige Angewohnheiten und schmerzende Altlasten kommt, gibt es nicht.

Der Partner muss nicht alle unsere Eigenschaften lieben. Er muss nicht vor Freude in die Hände klatschen, wenn wir wieder einmal einen eifersüchtigen Anfall haben oder unseren unsicheren Nachmittag. Aber er muss es hinnehmen. Im Gegenzug müssen wir hinnehmen, dass er vielleicht dazu neigt wegen Nichtigkeiten herumzupöbeln. Wie heißt es so schön? Das Leben ist kein Ponyhof. Und wenn man von Kriegs-Verbrechen reden kann, sollte man vielleicht auch den Begriff Beziehungs-Verbrechen einführen. Und es sollte eine Konvention geben, um Beziehungs-Verbrecher zur Verantwortung zu ziehen. Nur weil man die Schäden der Seele nicht sehen kann, bedeutet das nicht, dass es sie nicht gibt. Das sollten wir nicht vergessen.

Wir haben alle unsere goldenen Seiten. Die, für die uns viele Menschen mögen und schätzen, manche sogar lieben. Aber wir haben eben alle auch unseren mehr oder weniger kleinen Dämon in uns, der ab und zu sein hässliches Haupt hebt. Und wir mögen ihn selbst nicht. Mehr noch, wir hassen ihn. Er macht uns unsicher und schwach und klein. Das ändert aber nichts daran, dass es ihn gibt. Und je mehr der Dämon verletzt wird, desto öfter hebt er sein hässliches Haupt. Lassen Sie ihn also lieber schlafen. Und schützen Sie das, was Ihnen lieb ist. Dazu sollte auch der empfindame Kern Ihres Partners gehören.

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Gedanken