Im Großen und Ganzen ein gewöhnlicher Tag. Dröhnende Kopfschmerzen (ohnehin eine Volkskrankheit), ein nervös-zuckendes linkes Augenlid (ich sollte mich freuen, manchmal sind es beide) und wieder einmal die Frage, was ich mit meiner Zukunft anstellen soll. Zur Zeit werde ich immer wieder gefragt, ob ich Architektin bin (ich wurde inzwischen drei Mal gefragt und das in weniger als einer Woche), und die Antwort ist nein. Ich bin keine Architektin. Ich bin arbeitslos. Wenn ich dann gefragt werde, was ich so mache, antworte ich ‚Bücher schreiben‘ und alle sind ganz begeistert. Ganz ehrlich, es hört sich besser an, als es ist. Ich verdiene nichts.

Komischerweise ist das mit allem so, was ich tue. Ich habe viele Ideen und manch einer würde sogar sagen, dass ich das ein oder andere Talent besitze. Doch all das bringt nichts. Die Zeiten, in denen Talent etwas wert war, sind vorbei. Die Tage, an denen man noch durch den Beruf weiter gekommen ist, sind gezählt.

Wenn man nicht den richtigen Abschluss mitbringt, dann hat man bereits verloren. Eigentlich sollte man heutzutage bereits mit fünfzehn wissen, was man machen möchte, sich aber gleichzeitig mit dem Gedanken anfreunden, dass man vermutlich vier bis zwölf Mal den Arbeitsplatz wechseln wird.

Ich habe das falsche studiert – das weiß ich jetzt. Und ich habe auch noch den Fehler gemacht, es zu Ende zu bringen. Vielleicht hätte ich abbrechen sollen und etwas anderes machen. Vielleicht, vielleicht, vielleicht.

Ich bewerbe mich, weil man das eben so tut. Ich schreibe über meine soziale Kompetenz und meinen Teamgeist und meine diplomatische, empathische Art und meine serviceorientierte Denkweise und meine Auslandsaufenthalte und die Sprachkenntnisse und die zwei Studiengänge, weil man das so macht. Ich verkaufe mich selbst. Und das nicht selten unter wert. Ich bewerbe mich für Praktika und Volontariate (die ich nicht bekomme, weil man dafür Verlagserfahrung braucht, oder weil mein Lebenslauf verrät, dass ich nicht weiß, was ich will – was ich nebenbei bemerkt ziemlich frech von meinem Lebenslauf finde. Der soll das gefälligst für sich behalten.)

In Vorstellungsgesprächen wurde mir immer wieder gesagt, wie lustig ich bin. Vielleicht kann man am Arbeitsmarkt als un-lustiger Mensch einfach besser punkten. Vielleicht ist Arbeit einfach nicht lustig und deswegen wird es insgeheim als gefährlich erachtet, lustige Menschen einzustellen. Nicht, dass Arbeit auf einmal lustig wird. Es heißt schließlich nicht umsonst ‚erst die Arbeit, dann das Vergnügen‘. Sonst wäre es ja, ‚erst das Vergnügen, dann das Vergnügen‘, und jeder wird mir recht geben, dass das überhaupt keinen Sinn ergibt.

Ich kann mir aber zugegebenermaßen auch keine Arbeit vorstellen, die ich vierzig Jahre durchhalten würde, ohne mich oder meine Kollegen umzubringen. Ich würde vermutlich eines schönen Tages mit einem frisch gewetzten japanischen Messer in die Arbeit marschieren (so wie jeden Tag) und dann aus heiterem Himmel ein Blutbad anrichten, einfach, weil es einmal etwas anderes wäre. Es würde vermutlich nicht einmal darum gehen, dass ich meine Kollegen nicht mag. Es wäre einfach der tiefe Wunsch, sich einmal wieder lebendig zu fühlen. Es wäre dieser Wunsch nach Adrenalin und nach Abendteuer. Und vielleicht auch der Wunsch, einmal in die Zeitung zu kommen, wenn ich es mit meinen Romanen schon nicht schaffe. (Ich bitte Sie solche Aussagen nicht allzu ernst zu nehmen. Sie dienen lediglich als bildhafter Vergleich einer köchelnden Depression).

Mein Freund und ich haben uns überlegt, nach New York zu gehen, weil dort angeblich alles möglich ist. Vom Tellerwäscher zum Millionär. Wir befürchten aber, dass wir mit einem bösen Fluch belegt sind, und deswegen für den Niedergang New Yorks zur Verantwortung gezogen werden könnten. Dann hatten wir uns gedacht, dass wir nach China-Town gehen und dort mit Menschenhandel anfangen könnten (was natürlich nicht ernst gemeint war). Dann ist uns aufgefallen, dass wir direkt über der Geldquelle wohnen. Im Nachbarhaus ist ein REWE. Dort werden massenhaft Pfandflaschen abgegeben. Neben dem riesigen Plastiksack ist eine Tür, die im Sommer nicht selten weit offen steht. Wir haben uns überlegt, dass wir mit diesen Flaschen aus unserer finanziellen Misere kommen könnten. Die Spuren würden wir verwischen, indem wir die Flaschen aufteilen und in kleineren Mengen bei vielen Supermärkten abgeben würden. Sie erkennen die Verzweiflung.

Oder aber, wir schreiben an die Mutti der Nation. Ich finde, wenn all die Banken und Unternehmen gerettet werden, können zur Abwechslung auch einmal wir gerettet werden. Uns zu retten, kostet den Steuerzahler weitaus weniger als die Rettung der Hypo Real Estate. Aber uns rettet keiner.

Mein Freund hatte dann auch noch die Idee, ein Spendenkonto einzurichten oder auf seiner Internetseite einen Paypal-Aufruf zu veröffentlichen. Ich finde die Idee ja eigentlich gar nicht so übel, aber wer würde da schon spenden? Sogar die von Greenpeace haben gehörige Schwierigkeiten an Spendengelder zu kommen (ganz im Gegensatz zur CDU. Mich will nur leider keiner mieten (ich würde ja sofort mitmachen …)).

Es gibt viele Bevölkerungsgruppen. Ich gehöre zu ‚UDUE‘ (‚unter dreißig und erfolglos‘). Demnächst wird es bei RTL II bestimmt eine packende, brandneue Doku Soap geben mit dem Titel ‚Die jungen Hartz IV Empfänger – perspektivlos mit Anfang 20‘. Und in dieser Sendung werden einem all die Verlierer des Systems vorgestellt, die dann in von der ARGE bezahlten und von Kuhlmann vermieteten Mini-Appartements in spätrömischer Dekadenz wohnen.

Viele von ihnen werden kreative Menschen sein, deren Talent man leider vergessen hat, zu fördern. Das geht schon in der Schule los. Kleine Zahlenliebhaber kommen eben weiter als kleine Pinselschwenker. Mathematik ist keine Geschmacksache, sondern beruht auf Tatsachen. Und das ist leichter zu bewerten. Ich war immer gut in Kunst. Aber das hat mich nicht wirklich weiter gebracht …

Ich habe neulich wieder einmal versucht, zu schreiben. Doch ich muss zugeben, dass nur Scheiße dabei rausgekommen ist. Und das aus einem ganz einfachen Grund. Ich versuche es zu sehr. Ich versuche etwas zu schreiben, das die Masse lesen will. Und leider schreibe ich dann nur über deprimierende Dinge, wie Politik und andere Missstände. Oder über Verkäuferinnen, die in ihrem eigenen engen kleinen Dasein gefangen sind. Und das will niemand lesen. Versager unter dreißig (und auch darüber) können meist aber nichts seicht-dümmlich-Fröhliches schreiben. Zumindest kann ich es nicht.

Außerdem scheitere ich in letzter Zeit meistens schon am Namen der Hauptfigur. Und ohne Namen kann ich mich in eine Hauptfigur nicht hineinversetzen. Ein Charakter braucht einen Namen, einen Job und ein Problem (oder keinen Job und das ist dann das Problem). Dadurch entsteht das Skelett der Handlung. Der Rest läuft von allein. Aber mir fällt kein passender Name ein. Und ich weigere mich strikt gegen Namen, die klingen wie Slipeinlagen. Auf der anderen Seite soll der Name speziell sein oder eine Aussage haben. (Und so was wie ‚Bella‘ ist mir wirklich die Spur zu banal – hiermit entschuldige ich mich bei allen Bella Swan Liebhabern – (aber ’schöner Schwan‘ ist doch wirklich kein Geniestreich, oder?))

Aber vielleicht ist es ohnehin besser, wenn ich aufhöre, mir vorzumachen, dass meine Liebe zum Schreiben irgendwann einmal Erfolg haben wird. Ein kleines Beispiel. Vor ein paar Tagen habe ich mich mit einer feststeckenden Schraube angelegt. Sie steckte so tief im Holz, dass man sie nicht mehr bewegen konnte. Einige hatten sich bereits versucht und nach einer Weile aufgegeben. Und als ich mich hingesetzt habe, wusste ich, dass ich mich von dieser Schraube nicht auslachen lasse. Ich wusste, ich würde eher die ganze Nacht an dieser Schraube nackeln, als klein beizugeben. Und ich war siegreich. Die Schraube hat verloren. Wenn ich dieselbe Hartnäckigkeit im Bezug auf meine Romane hätte, würden sie auf kurz oder lang erfolgreich.

Doch bei meinen Romanen handelt es sich nicht um zwei Stunden Arbeit, sondern vermutlich um Jahre. Und außerdem sind meine ‚Gegner‘ in diesem Fall Menschen, die sich wehren können, keine Schrauben, die mir ausgeliefert sind. Diese Menschen haben eine Meinung zu meinen Romanen (und sie neigen nicht selten dazu, einem diese auch mitzuteilen, was mitunter nicht gerade amüsant ist). Und zu guter letzt scheitert es auch daran, dass ich von vielen meiner ‚Gegner‘ erst gar keine Antwort oder Reaktion bekomme. Die Schraube konnte mir nicht ausweichen. Menschen können das schon.

Das war mein heutiger Tag. Viele Gedanken, keine Erfolge. Zwischenzeitlich Lachanfälle (das ist auch wichtig. Ohne Humor wären die Folgen der Globalisierung und der Wirtschaftskrise auch kaum zu ertragen). Morgen ist wieder ein Tag. Ich befürchte nur, dass er nicht großartig anders sein wird als heute.

Man kann es auch kürzer fassen: Darf ich vorstellen: 27, erfolglos, ziellos, aber lustig – das bin ich.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Category

Gedanken