Eine Frau erfährt, dass ihr Mann in einem schrecklichen Autounfall umgekommen ist. Ein Mann erfährt, dass er nur noch wenige Monate zu leben hat. Eine Lehrerin erfährt, dass sie ihren Arbeitsplatz verliert. Ein Mann erfährt, dass seine Frau ihn seit Jahren betrügt. Einer Frau wird mitgeteilt, dass sie ein Verfahren verloren hat und die nächsten zehn Jahre ins Gefängnis muss.

Was haben all diese Situationen gemeinsam? Denken Sie an all die Filme, die Sie in Ihrem Leben gesehen haben. Was kommt ausnahmslos immer, wenn etwas Schlimmes passiert? Genau. Das Glas Wasser.

Ich habe das jetzt mal selbst ausprobiert. Als man mir gesagt hat, dass mein befristeter Vertrag leider nicht verlängert werden kann, bin ich schnurstracks ins Bad gegangen und habe Wasser in ein Glas laufen lassen. Ich habe es angesehen, angesetzt und es ausgetrunken. Nichts. Es hat sich danach genauso beschissen angefühlt wie vorher.

Als wir einen Wasserschaden in der Wohnung hatten – es war ein Sonntag und mitten in der Nacht – , da habe ich tief durchgeatmet, bin in die Küche gegangen und habe ein großes Glas Wasser getrunken – was in Anbetracht der Tatsachen etwas wirklich Ironisches an sich hatte. Und wieder nichts.

Ein letztes Mal habe ich es versucht, als mein Auto nicht angesprungen ist. Und wieder dasselbe. Keine Verbesserung.

Gut, man könnte argumentieren, dass keines meiner Erlebnisse so schrecklich war wie die Situationen in den Filmen, in denen das Wasser die Lösung auf jedes Problem zu sein scheint. Man könnte auch sagen, dass ich den Vorgang als solchen nicht ganz richtig gemacht habe. Und das wäre nicht einmal ganz verkehrt. Denn was haben all die Wasserglas-Szenen noch gemeinsam? Jemand anders bringt das Wasserglas. Das ist der Knackpunkt. Da ist jemand, der sich kümmert. Das kann ja nicht funktionieren, wenn man sich das blöde Wasserglas selber holt.

Eine Weile habe ich mich gefragt, warum der Mensch dazu tendiert, Wassergläser zu verteilen, wenn jemand ein sicheres Todesurteil verkündet bekommt. Oder den Verlust seiner Arbeit. Oder das Ende seiner Ehe. Das Todesurteil bleibt. Die Ehe bleibt kaputt und der Job weg. Ist es die schiere Ohnmacht, die uns das Glas füllen lässt? Ist es unsere Art, Mitgefühl auszudrücken, weil uns die Worte fehlen, weil es keine gibt? Ist es der verzweifelte Versuch, in einer aussichtlosen Situation wenigstens irgendetwas zu tun? So wie das Huhn, das nach imaginären Körnern pickt, wenn es sich zwischen Flucht und Angriff nicht entscheiden kann? Warum greifen wir nicht zur Wodka-Flasche? Oder zu Gras? Beides Dinge, die uns betäuben und den Schmerz wenigstens zeitweise vergessen lassen.

Vor einigen Wochen dann kam die Erkenntnis in Form einer guten Freundin. Als ich die Tür öffnete, ahnte ich noch nicht, was mich erwarten würde. In ihrem Gesicht eine bodenlose Leere, die Augen geschwollen, die Nase verstopft. Christoph hat ne andere. Pam. Und was mache ich, nachdem ich sie zur Couch gestützt habe? Ich gehe in die Küche, fülle ein Glas mit kaltem Wasser und reiche es ihr. Und während ich ihr dabei zusehe, wie sie es in den Händen hält und dann einen Schluck trinkt, wird es mir klar. Ich tue es, weil es nichts zu sagen gibt. Weil ich keine Lösung habe. Weil nichts, was ich sagen könnte, den Schmerz wegnimmt. Und weil es verantwortungslos ist, labilen Freunden Wodka oder Gras zu geben. Schon gar nicht in der Kombination. Die Machtlosigkeit treibt uns in die Küche oder ins Bad zum nächstgelegenen Wasserhahn. Die Hoffnung, dass die klare Flüssigkeit den Lebenswillen nährt. Der Versuch, zu zeigen, dass man sich Mühe gibt. Dass man sich Zeit nimmt. Und all das steckt in einem Wasserglas. Verständnis, Fassungslosigkeit und Ohnmacht.

Es wäre schön, wenn das Wasserglas wirklich die Lösung auf alle Probleme wäre. Dann bräuchten wir nur ein Wasserglas für Mali, eines für den Nahen Osten, eines für die arabischen Staaten, allen voran Syrien und Ägypten, ein Glas für Afghanistan, eines für den Iran, eins für den Irak und eines für den Gaza-Streifen. Und wenn man es genau nimmt, hätte auch Obama ein Glas Wasser verdient. Und die Sängerinnen von Pussy Riot. Und all die politisch Inhaftierten dieser Welt. Und die Arbeitslosen. Und die Kranken. Und die Verfolgten. Und die indischen Frauen …

Wissen Sie was? Wenn ich es mir recht überlege, brauchen wir nicht nur Brot für die Welt. Wir brauchen Wasser für die Welt. Und weil es nicht einmal annähernd genug Wasser für die gesammelte Dummheit, Gier und den abartigen Hass der Menschheit gibt, wird eben alles so weitergehen wie bisher. Und wir reservieren die Wassergläser für unsere fassungslosen Freunde, weil wir, wenn man es genau nimmt, sowieso nichts auszurichten können.

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