Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber diese nicht enden wollende mediale Hetzjagd, die uns – den Bürgerinnen und Bürgern der Bundesrepublik Deutschland – in Form von skandalösen Fleischfetzen vor die Füße geworfen wird, halte ich langsam nicht mehr aus. Ja, es geht um die Causa Wulff. (Allein der Ausdruck macht mich aggressiv.)

Die Regierung will, dass er bleibt. Zumindest noch. Und die Opposition ist… na was wohl? Dagegen. Es ist also alles wie immer. Ich persönlich finde ja, dass die ihren Namen etwas zu wörtlich nehmen.

Verstehen Sie mich richtig, ich finde nicht gut, was Wulff getan hat. Es ist falsch und dem höchsten Amt nicht würdig. (Und ich würde ihn nicht eine Sekunde vermissen, wenn er seinen Hut nähme.) Aber seine Vergehen so darzustellen, als hätte er über mehrere Jahre hinweg jeden Morgen ein Frühchen aus der Neonatal-Intensiv gekidnapped, in die Mikrowelle geschoben und anschließend genüsslich aufgegessen, finde ich etwas, na ja, nennen wir es übertrieben.

Er hat seine Macht missbraucht. Okay. Aber tun das nicht (fast) alle Menschen, die Macht haben? Ist das nicht quasi eine zugegebenermaßen traurige Begleiterscheinung der Macht? Ist es nicht eigentlich so, dass sich nur die wenigsten Menschen den Maschen der Macht entziehen können?

Gut, Wulff hat sich verheddert. In einem Patentstrickmuster aus Lügen und vagen Halbwahrheiten. Aber rechtfertigt das eine mediale Steinigung? Er steht in einer Arena und lächelt tapfer, der Angstschweiß glitzert auf der Stirn, die Anzughose zittert in Kniehöhe. Geht es hier noch um das Recht der Bürgerinnen und Bürger, die Wahrheit zu erfahren? Geht es um die Pressefreiheit? Geht es um Aufklärung? Oder vielleicht doch eher um Auflagen?

Halten wir die Debatte doch einmal an und prüfen Punkt für Punkt.

Da war der ominöse Kredit. Nicht die feine Art. Zugegeben. Aber es darf nicht vergessen werden, dass die Beziehung zwischen Wulff und Geerkens weit zurück reicht. Es handelt sich ja nicht um einen Kumpel, den Wulff während seiner Amtszeit als Ministerpräsident in der Eckkneipe getroffen hat. Geerkens spielt eine Schlüsselrolle in Wulffs Leben. Es ging um einen Privatkredit, für den Wulff Zinsen bezahlt hat. Ist das wirklich so schrecklich? Ist das Vorteilnahme?

Und gut, der Präsident machte in seiner Zeit als Ministerpräsident auch gerne Mal Urlaub bei seinen reichen und einflussreichen Freunden, aber kann man ihm vorwerfen, dass er Freunde hat, die ihn und seine stets lächelnde Frau kostenlos in ihren wunderschönen Villen unterkommen lassen? Hätte er für die Übernachtungen bezahlen sollen, nur weil er Ministerpräsident war? (Diese Frage richtet sich nicht an Bettina Schausten. Da kennen wir schließlich bereits die Antwort.)

Diese beiden Vergehen hätte ich ihm verzeihen können. Vielleicht, weil ich es menschlich finde, sich von einem nahstehenden Freund Geld zu leihen. Einer Vaterfigur, einem engen Vertrauten. Vielleicht auch, weil ich es nachvollziehen kann, dass man gerne Urlaub in schönen Häusern macht, ohne dafür zu bezahlen. Vielleicht weil ich denke, dass Politiker entgegen der landläufigen Meinung trotzdem auch Menschen sind und Menschen sich menschlich verhalten, also auch Fehler machen.

Der Punkt, der Wulff meiner Meinung nach im politischen Sinne zum Todgeweihten gemacht hat, war die Nachricht auf der Mailbox des Chefredakteurs der Bild-Zeitung. Denn auch, wenn ich die Zeitung mit den großen Buchstaben nicht wirklich als Flaggschiff des seriösen, investigativen Journalismus verstehe, wurde mit diesem Anruf eine Grenze überschritten.

Die Pressefreiheit ist einer der Grundpfeiler dieser Demokratie. Sie sichert die Freiheit der Aufklärung. Sie ist das Sprachrohr zwischen Macht und Masse. Und da hat die Macht keinen Einfluss darauf zu nehmen. Ich wage zwar zu behaupten, dass Wulff weder der erste und bestimmt nicht der letzte war, der seine Macht in die Waagschale der Presse geworfen hat, um die Medien zum Schweigen zu bringen, doch die anderen waren eben schlau genug, keine Nachrichten auf Mailboxen zu hinterlassen. Das war Fehler Nummer zwei. Wenn man schon droht, dann doch bitteschön heimlich und diskret und bitte nur, wenn man sich sicher sein kann, dass die Drohgebärde absolut dementierbar ist. (Ich weiß nicht, was ich schlimmer finde, die Tatsache, dass Wulff versucht hat, die Pressefreiheit einzuschränken, oder wie laienhaft dumm er es getan hat. Also, von einem Präsidenten hätte ich mir da ehrlich gesagt etwas mehr erwartet…)

Dieser saure Geschmack, als hätte man sich gerade ein kleines bisschen in den Mund übergeben, entsteht bei mir nicht nur wegen des so genannten Inhalts der Debatte, und  ganz bestimmt nicht deswegen, weil ich ein heimlicher, glühender Anhänger des Bundespräsidenten bin, (inzwischen reicht es schon, seinen Namen zu hören, um bei mir nervöse Beschwerden auszulösen). Nein, es geht um die Dimensionen, die die Causa Wulff inzwischen annimmt. Haben wir wirklich keine nachrichten-würdigeren Nachrichten? Muss diese Affäre wirklich immer an erster Stelle kommen? Ist da wirklich nicht mehr als unser Wulff im Schafspelz?

Diese ganze Geschichte hat mich (notgedrungen und unfreiwillig) zum Nachdenken gebracht. Und dabei ist mir klar geworden, dass es wirklich gute Gründe gibt, mich zur Bundespräsidentin zu wählen. Ich bin die perfekte Kandidatin. Ehrlich. Hand aufs Herz. Diese Aussage entspringt keineswegs reiner Eitelkeit, sie ist vielmehr eine logische Schlussfolgerung der derzeitigen Diskussion, die ich faktisch plausibel untermauern kann. Und zwar lückenlos. (Und ist es nicht genau das, was man hierzulande immer will?)

Einmal abgesehen von der Tatsache, dass ich als erste Frau im höchsten Amt der BRD Geschichte schreiben würde und alleine diese Gewissheit mir einen Vorsprung auf Wulff gibt, bin ich ein unverheirateter nicht geschiedener Niemand. Besser noch. Ein Niemand ohne einflussreiche Freunde. Ein Niemand ohne Familienhaus und ohne Kredit. Weder von nicht vorhandenen einflussreichen Freunden, noch bei Banken. Und wenn ich vorhätte, einen Kredit aufzunehmen, dann würde man mir keinen geben – ergo könnte auch keine Kredit-Affäre ans Licht kommen, die das Amt beschädigen könnte. Noch etwas, das für mich spricht, ist die Tatsache, dass ich keine Journalisten kenne. Keinen einzigen. Logischerweise habe ich dann auch keine Handynummern und könnte keine Nachrichten auf irgendwelche Mailboxen sprechen. Weder freundliche noch unfreundliche. Ich war nie in einem Landtag und zu Elite-Events, bei denen Kochbücher verschenkt werden, würde man mich nicht einladen. Meine Freunde haben keine Villen, sondern Mietwohnungen. Und das nicht im Ausland sondern hier. Und da habe ich selber eine Wohnung und müsste nirgends übernachten. Urlaub habe ich seit Jahren keinen gemacht. Erstens weil ich es mir nicht leisten kann und zweitens, weil ich so wenig Urlaubstage habe, dass es sich nicht wirklich lohnen würde, den Koffer zu packen.

Kurz: Ich bin eine Frau des Volkes und damit würde es von mir tatsächlich vertreten und nicht verschaukelt. Als Bundespräsidentin wäre ich die deutsche Antwort auf den amerikanischen Traum. Mein Weg wäre zwar nicht der vom Teller-Wäscher zum Millionär, sondern vom Aufstocker zur Bundespräsidentin, aber die Botschaft wäre dieselbe. Seien wir mal ganz ehrlich: Ob ich nun Steuergelder bekomme, weil ich so miserable bezahlt werde, dass es zum Überleben nicht reicht, oder ob ich es erhalte, weil ich Schiffe taufe und Weihnachtsansprachen halte, ist doch eigentlich egal. Mit dem kleinen Unterschied, dass die einen mitleidig als fauler Pöbel degradiert werden und der andere Urlaube geschenkt bekommt. Da muss man mich nicht zwei Mal fragen. Die Antwort ist ganz einfach: Ich bin der Präsident.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Category

Gedanken