Sie ist Mitte dreißig und glücklich. Sie ist trendy gekleidet und schiebt ihr liebstes Accessoire vor sich her: ihr Kind. Der Designerkinderwagen mit drei großen Rädern – der SUV unter den Kinderwägen – bietet einen ergonomisch geformten, höhenverstellbaren Liegebereich, Stabilität und viel Stauraum für die wichtigen und weniger wichtigen Dinge des täglichen Bedarfs. (Irgendwann wird vielleicht ein hochauflösender 15 Zoll Flatscreen-Monitor den Unterhaltungswert der Kleinen erhöhen und es Müttern ermöglichen, ihren Zweijährigen ‚Gehirn-Jogging‘ einzulegen, während sie im Bioladen an der Ecke glutenfreie Kost für ihre beiden Männer einkaufen. Doch so weit ist es nicht. Noch nicht.)

Kuschelig eingebettet im flauschigen blau-weiß-gestreiften Petit Bateau Deckchen liegt ein pausbäckiger Knirps mit geballten Fäustchen und strahlend blauen Augen. Das kleine Hütchen ist farblich auf das Kleid der Mutter abgestimmt und harmoniert mit der winzigen Rassel in Delfin-Form.

Sie schlendert durch den Laden, umringt von Regalen, die all die schönen Nichtigkeiten enthalten, die niemand braucht und paradoxerweise gerade deswegen vielleicht viele so begehren. Sie betrachtet eine Deko-Erdbeere aus rotem Filz und lächelt, dann bückt sie sich zu ihrem Designer-Sohn und hält sie ihm entgegen.

„Na, Konstantin Julius, soll die Mami die kaufen?“

Konstantin Julius streckt seine kleine wurstige Hand aus, was wohl so viel heißen soll, wie ‚Aber ja, was für eine hervorragende Idee! Vati wird begeistert sein (dass du sein Geld für so einen unwichtigen Schwachsinn ausgibst!)‘. Den Unterton scheint sie nicht zu bemerken, denn sie geht zielstrebig auf den Tresen zu und legt die Deko-Erdbeere zu einer Reihe anderer Dinge, die keinerlei Zweck erfüllen.

Eine halbe Stunde später bezahlt sie knapp 120 Euro für ein paar Kleinigkeiten, Postkarten und Mitbringsel (nur für den Fall, dass vielleicht einmal spontan eine Kollegengattin zu einem kleinen aber exquisiten Essen einlädt). Konstantin Julius ist unterdessen eingenickt. Die rechte Pausbacke ruht auf der flauschigen Decke, die einen winzigen Vorgeschmack auf seine Zukunft gibt. In Watte gepackt und verhätschelt.

Man möchte meinen, dass sein Name ein Hindernis und Anlass für Hohn und Spott werden könnte, doch das muss nicht sein, denn es scheint modern geworden zu sein, seinen Kindern solch edlen Namen mit auf den Weg zu geben. Vielleicht sitzt Konstantin Julius nur wenige Monate später mit klein Ovid und der niedlichen Marie-Antoinette im Sandkasten, während sich ein paar Meter entfernt Leopold-Willhelm, Andt-Phillippe und Lorenz-Paulus im Designer-Planschbecken einen faulen Lenz machen.

Die stolzen Mütter schwadronieren einstweilen über die Festigkeit des Stuhlgangs ihrer Sprösslinge und fachsimpeln über die neuesten Erziehungsmethoden und Baby-Yoga und Neugeborenen-Englisch-Kurse bei einer gemütlichen Tasse Ginseng-Lotusblüten-Tee aus kontrolliert biologischem Anbau.

Ab und an wird hinter vorgehaltener Hand über die polnische Haushaltshilfe geschimpft, weil diese es einfach nicht schafft, die Glasfronten im Schlafzimmer streifenfrei zu putzen. Dann noch ein paar kleine Anekdoten aus dem letzten Urlaub – dieses Mal Tauchen in Laos – und Pläne über den kommenden – Barbados oder Mali – und dann noch ein paar Ernährungs- und Fitness-Tipps um wieder richtig in Form zu kommen.

Alles ist friedlich, bis klein Ovid das Gleichgewicht verliert und mit dem Kopf gegen Konstantin Julius fällt, der dann sogleich aus einer sitzenden in eine liegende Position übergeht. Ein gellender Schrei lässt das Blut aller Mütter erstarren. Aufgeregtes Kreischen, Verzweiflung, panisches Aufspringen, umfallende Rattanmöbel.

Die Ordnung in diesem eben noch beschaulichen und penibel getrimmten Garten ist jäh zerstört, nichts ist mehr gut. Die Mütter zerfressen von Schuldgefühlen, nicht besser aufgepasst zu haben, streicheln und tätscheln ihren aufgewühlten Lebensinhalt.

Keine offenen Wunden, keine inneren Blutungen, nur zwei kleine Köpfe mit zwei kleinen Beulen. Dieser Vorfall wird bei einer frischen Tasse Beruhigungs- und Nerventee mit türkischer Minze erst einmal verarbeitet, die Ordnung wieder hergestellt. Keine macht der anderen Vorwürfe, obwohl jede weiß, dass klein Ovids mangelnder Gleichgewichtssinn an allem Schuld ist. Er macht auch am wenigsten Fortschritte im Englisch-Kurs und auch Yoga liegt ihm nicht.

In dieser Nacht schläft Konstantin Julius tief und fest – als wäre nichts gewesen. Der Schreck sitzt seiner Mutter jedoch noch immer in Knochen. Dieses im wahrsten Sinne des Wortes erschütternde Erlebnis wird ihm am kommenden Tag einen kleinen Einkauf bei Petit Bateau bescheren und eine Stunde Mutter-Kind-Schwimmen. Denn es gibt nichts Wichtigeres als in die Zukunft zu investieren – wobei die Grenze zwischen fördern und überfordern  immer mehr verschwimmt.

Eine rosige Zukunft kommt da auf uns zu. Eine Generation legasthenischer Weicheier, die nichts kann und dennoch alles bekommt. Sie wird sich mit gestähltem Selbstbewusstsein und unangebrachter Arroganz über alles walzen, das sich ihr in den Weg stellt, denn Grenzen kennt sie nicht. Sie wird die Welt erobern und die Wirtschaft ankurbeln.

Das kann passieren, wenn Kinder der einzige Lebensinhalt sind. Wenn Karrieren sterben, weil Kinder geboren werden. Das Ergebnis der Familienpolitik: kleine Monster, denen tagein tagaus immer nur eines vermittelt wurde: ‚Du bist Deutschland!‘

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