20. August 2016

Zum Thema Schreiben.

Was ich noch sagen wollte …

Diesen Beitrag habe ich für den Blog Lottas Bücher geschrieben. Lotta hat die Rubrik „Autoren kommen zu Wort“ ins Leben gerufen. Eine tolle Idee, wie ich finde. Für weitere Texte anderer Autoren, geht es hier entlang.

Viele denken, schreiben ist total einfach. Du denkst dir eine Geschichte aus, setzt dich an deinen Laptop, deine Schreibmaschine oder dein Notizbuch und fängst mal an. Manchmal funktioniert das tatsächlich so. Aber ganz oft auch nicht. Ganz oft ist es wie durch Sirup zu schwimmen – machbar, aber ziemlich kräftezehrend.

Ich glaube, viele assoziieren den Begriff „Schriftsteller“ mit bebrillten, oft gebildeten, manchmal verschrobenen, aber vor allem schwerreichen Menschen, die sich auf einen ihrer vielen Landsitze zurückziehen, und mal eben ein Buch aus dem Ärmel schütteln. Den Rest des Jahres strecken sie dann alle Viere von sich. Und dazwischen besuchen sie eine der vielen Literaturveranstaltungen, auf die sie eingeladen werden und sonnen sich dort in ihrem Ruhm. Einige sind sicher bebrillt, viele gebildet und manche auch schwerreich, aber das mit den Landsitzen und dem mal eben ein Buch aus dem Ärmel schütteln stimmt sicher nur für die wenigsten. Das gilt auch für den Rest.

Ich will mich nicht beschweren – ich lebe schließlich meinen Traum. Und da hat man sich nicht zu beschweren. Da freut man sich, dass man von seinem Schaffen leben kann, Ist ja nicht selbstverständlich. Und es stimmt: Ich entscheide, wann ich aufstehe und ins Bett gehe, ich kann den Wecker siebzehn Mal umstellen, wenn ich will. Ich denke mir Geschichten aus und erzähle sie in meinen Worten. Wenn man es so sieht, lade ich Menschen in meine Gehirnwindungen ein und gebe ihnen eine kleine Führung. Manche fühlen sich wohl, andere nicht. Ich bekomme Nachrichten, E-Mails und sogar Briefe, in denen völlig Fremde mir schreiben, wie sehr mein Roman sie berührt hat und sogar, dass er zu den besten gehört, die sie je gelesen haben. Das ist die eine Seite. Das ist toll. Das macht einen echt glücklich. Aber genau wie ein Buch, hat auch das Leben eines Schriftstellers viele Seiten. Man ist oft allein und manchmal hat man das Gefühl, zu vereinsamen. Man grübelt und denkt und verheddert sich in seinen eigenen Gedanken. Manchmal gibt es kein Weiterkommen. Man steht nur da und versucht herauszufinden, ob man sich in einer Sackgasse befindet und umkehren muss, oder ob man lediglich eine kleine Verschnaufpause braucht. Feierabend und Urlaub sind sehr abstrakte Worte. Denn dein Gehirn und deine Charaktere entscheiden, wann Schichtende ist – nicht du. Du nimmst all deine Emotionen und lässt sie in deine Geschichte fließen und während du das tust, weißt du, dass es Menschen geben wird, die sie hassen. Du weißt, dass du deine Charaktere, in den Ring schickst und dass sie garantiert auch einstecken müssen. Und du weißt, dass diese Schläge dir mehr wehtun werden als ihnen. Du schreibst deine Geschichte trotzdem. Obwohl du das alles weißt. Obwohl dir klar ist, dass du sie nicht verteidigen kannst, weil du sonst eine Autorin bist, die nicht mit Kritik umgehen kann. Ein Mensch, der zu empfindlich ist, obwohl du gerade das Zartbesaitete brauchst, um überhaupt schreiben zu können.

Schreiben ist harte Arbeit. Und es ist der wunderbarste Beruf der Welt. Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen. Trotz der Schläge, die ab und an kommen – die immer kommen, weil Menschen verschiedene Geschmäcker haben.

Manchmal frage ich mich, was wohl wäre, wenn jeder auf diese Art bewertet würde. Wenn man zu Müttern gehen und ihnen erzählen würde, wie hässlich man ihr Kind findet. Oder wenn man jemandem sagen würde, dass sein neues Auto absolut scheußlich ist. Oder wenn man Rezensionen und Blogs bewerten würde – zum Beispiel nach Formulierungen, Schlüssigkeit, Menge der Rechtschreibfehler. In der ganzen Anonymität vergisst man nämlich leicht, dass hinter jedem Roman jemand steht, der gearbeitet und geschwitzt hat und sein Bestes gegeben hat, auch, wenn das manchen vielleicht nicht gut genug ist. Er hat jeden einzelnen Buchstaben getippt, Sätze geschrieben und wieder gestrichen, an sich gezweifelt und war stolz auf sich. Kritik ist völlig in Ordnung, wenn sie so geäußert wird, wie man sie jemandem auch ins Gesicht sagen, oder sie unter seinem echten Namen veröffentlichen würde.

Ich liebe meine Arbeit. Ehrlich. Ich liebe sie meistens sogar dann, wenn ich sie hasse. Ich möchte mir für den Rest meines Lebens Geschichten ausdenken. Ich möchte mit meinen imaginären Freunden Dinge erleben und sie begleiten, wohin sie mich auch führen. Für sie bin ich bereit jeden Schlag einzustecken – weil ich sie toll finde. Weil jeder einzelne von ihnen mich mitgerissen hat – entführt in ein anderes Leben. Ich Leben, das ich nur durch sie kenngelernt habe. Ich freue mich über jeden Leser, den ich mitnehmen kann auf eine dieser Reisen. Über jeden, der das spürt, was ich gespürt habe, weil das fast so ist, als würden wir ein Geheimnis teilen. Als würden wir uns zusammen verlieben und zusammen leiden. Und das, ohne uns zu kennen.

Man kann nicht beeinflussen, was einem gefällt. Es gibt Bücher, die hauen einen um, andere lassen einen kalt. Das ist okay. Man muss nicht alles mögen. Aber man kann auch schonungsvoll ehrlich sein. Man kann höflich bleiben. Und respektvoll. Man kann sagen, dass man etwas nicht mochte, ohne es zu zerreißen und durch den Dreck zu ziehen. Es gibt immer ein Gegenüber, auch, wenn man es oft nicht sehen kann. Man muss nicht jeden Charakter mögen. In manche verliebt man sich, andere kann man nicht leiden – genau wie im echten Leben. Immerhin hat es der Autor dann geschafft, ihnen ein Wesen zu geben, das man nicht als konstruiert empfindet. Ich habe schon oft Bücher abgebrochen. Und es gibt genug Filme und Serien, die ich total blöd finde. Würde ich die empfehlen? Wohl eher nicht. Würde ich sie als totalen Dreck bezeichnen und mich irgendwo darüber auskotzen, wie unglaublich scheiße sie waren? Das auch nicht.

Nein, böse Worte lassen mich nicht kalt. Und das werden sie auch nie. Aber sie sind nicht mehr so wichtig, wie sie es mal waren.

Ich schreibe eine Geschichte. Eine Geschichte auf der letztlich mein Name steht. Ich stehe darauf und muss auch dahinter stehen. Ein und derselbe Roman löst bei Menschen die unterschiedlichsten Dinge aus. Abhängig von ihrer eigenen Geschichte. Ich kann das nicht beeinflussen. Alles, was ich tun kann, ist Romane zu schreiben, die ich liebe. Über Figuren, die mir am Herzen liegen. Romane, die mich berühren und bei denen ich stolz bin, dass man Name darauf steht – egal ob Freytag oder Taylor. Ich habe eine Weile gebraucht um zu verstehen, dass es nicht darum gehen darf, die Erwartungen von anderen zu erfüllen, sondern nur seine eigenen. Man muss seiner eigenen Stimme trauen, wenn man gehört werden will.

Ja, ich lebe meinen Traum. Und träumen ist einfach – zumindest für die, die es vor lauter Realität nicht verlernt haben. Vielleicht ist es aber auch nur scheinbar einfach, denn die Umsetzung ist zum Teil ein echter Kraftakt. Ich glaube, viele unterschätzen das. Viele denken, es ist ganz leicht. Diese Leute sagen: „Ich wollte ja auch schon immer mal ein Buch schreiben“, oder „Wenn ich die Zeit hätte, würde ich das auch machen, aber mit der ganzen“ (echten) „Arbeit und den Kindern“ – also den wirklichen Verpflichtungen, die man so hat. Ich weiß nicht, wie oft ich solche Sprüche schon gehört habe, aber mit der Zeit lernt man einfach zu lächeln und sich an seinen Happy Place zu denken.

Vor einigen Monaten habe ich mal einen schönen Satz gelesen. Ich erinnere mich leider nicht an den genauen Wortlaut, aber es war etwas wie: „Wenn jemand über Nacht berühmt wird, hat er am Tag zuvor hart gearbeitet.“ Ich finde, das bringt es sehr gut auf den Punkt. Liebe ich, was ich tue? Ja, das tue ich. Doch wenn Träume wahr werden, werden sie auch anstrengend. In deinen Träumen bewertet dich niemand, alle lieben, was du tust, es geht dir leicht von der Hand und du surfst auf der perfekten Welle. Ich glaube an perfekte Wellen. Aber ich glaube auch, dass man verdammt oft vom Brett gefallen ist, bevor man so eine Welle reiten kann.

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Category

Anne Freytag, Gedanken